Dispossession
Ausstellung, kuratiert von Ariane Mueller
Künstlerhaus Wien, 2021
Künstler*innen:
Linda Bilda, Stephan Janitzky, Anita Leisz, Sophie Lillie & Arye Wachsmuth, Henrik Olesen
Mit Arbeiten von:
Richard Apflauer, Theodor Bruckner, Jehudo Epstein, Otto Herschel, Sofie Korner, Gerda Matejka-Felden, Teresa Feodorowna Ries, Anni Schulz, Friedrich Schön, Heinrich Sussmann, Willy Verkauf/ André Verlon und aus der Sammlung von Marco Birnholz
Ausstellungsgestaltung: Ariane Müller and Jasmin Trabichler
Künstlerhaus
Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs
Karlsplatz 5, 1010 Wien
Die Ausstellung DISPOSSESSION stellt eine Frage, die auch unmittelbar die Künstlervereinigung und ihr historisches Ausstellungshaus, das Künstlerhaus betrifft. Diese Frage kreist um das Selbstverständnis einer Kunstinstitution, die seit ihrer Gründung Kriterien entwickelte, die die Zugehörigkeit zur Standesvertretung regelte. Eingesetzt von staatlicher Stelle um die Frage, wer, warum, Kunst machte, handhabbar zu regeln, konnte sie Privilegien, Vorschläge für Professuren, Stipendien, Preise und große staatliche Aufträge vergeben. Es oblag der Institution und ihren jeweiligen Persönlichkeiten, die Zugehörigkeit selbst immer wieder zu definieren und zu exekutieren. So waren Frauen in den Statuten nicht ausgeschlossen, ihnen ihre Eignung als Künstlerin abzusprechen wurde 100 Jahre lang dennoch intern argumentiert, wie man in den Sitzungsprotokollen anhand jedes Aufnahmegesuchs von Frauen nachlesen kann.
In der Geschichte des Hauses mit seinen Ehrengerichtsverfahren und Gremien stellt der Ausschluss aller jüdischen Mitglieder 1938 keinen institutionellen, jedoch einen großen inhaltlichen Bruch mit den immer wieder betonten Paradigmen der Kameradschaftlichkeit und Solidarität dar. Ohne dokumentiertes Bedauern wurde ein Drittel aller Mitglieder ihren, teilweise direkt in die Vernichtungslager führenden, Schicksalen überlassen. Der Eindruck drängt sich auf, dass sich die Mehrzahl der Künstler ob der neuen Möglichkeiten freuten, auch zeigt die fast voreilige Durchsetzung des Ausschlusses, dass diesem Geist bereits über lange Jahre zugearbeitet worden war. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich gibt es jedenfalls keine nachlesbaren Bemühungen sich nach dem Verbleib und dem Befinden der Ausgeschlossenen auch nur zu erkundigen, geschweige denn, diesen Ausschluss aufzuarbeiten. Die beschworene Solidarität richtet sich stattdessen auf Hilfestellungen für die bekannten und nun nicht mehr so offen agierenden Profiteure einer nationalsozialistischen Kunstpraxis.
Dieses trübe Bild erscheint nur solange generisch, solange man in ihm nicht auch die Behauptung eines Künstlerbilds sieht, das die gesamte Nachkriegsgeschichte bis heute durchzieht. Die konsequente Diffamierung von "amateurhaften", "dilettantischen" "Kritzelvereinen" zugunsten eines männlich heroischen Einzelkünstlers vor dessen Augen Landschaft, nackte Frauen und heroische Männer zum gestaltbaren Material wird, durchzieht nicht nur die Dokumente der Künstlerhaus Vereinigung, sondern auch unsere von ihm ausgestaltete Umwelt: in den Sammlungen der Stadt, auf ihren öffentlichen Plätzen und Fassaden ihrer Häuser. Dies umfasst auch alles, was wir nicht zu sehen bekommen, weil die potentiellen Schöpfer*innen konsequent nicht zu unserer Repräsentation herangezogen wurden, sie wurden pauperisiert, enteignet, vertrieben oder getötet, die bestehenden Sammlungen geplündert und die existierenden Zeichen zerstört.
Die Aufteilung des heute bestehenden Raums, entlang der Definition einiger weniger, die darüber jurierten, wer wie darin als weiterhin Lehrender, als Gestalter der neuen Repräsentationsräume und des öffentlichen Raums wirken durfte, ist eine zentrale Frage der Ausstellung DISPOSSESSION.
Vor zwei Jahren wurde die Künstlerin Ariane Müller von Tim Voss, dem damaligen künstlerischen Leiter des Künstlerhauses, eingeladen, eine Ausstellung zu konzipieren, die sich mit der Geschichte des Künstlerverbandes in der Zeit vor, während und nach der nationalsozialistischen Herrschaft in Wien befasst.
Der Titel „Dispossession“ beschreibt ihre Herangehensweise an dieses Thema und damit auch die Methodik der Ausstellung: Obwohl „dispossession“ im Deutschen üblicherweise mit „Enteignung“ übersetzt wird, erfasst dieses Wort die Bedeutung des englischen Begriffs nicht vollständig. Der Besitz und, was noch wichtiger ist, die Vorstellung, etwas zu besitzen, fehlen darin. Der Nationalsozialismus war, wie jede rechtsextreme Bewegung, davon besessen, Menschen zu kategorisieren. Er definierte Bezeichnungen wie „jüdisch“, „homosexuell“ oder „asozial“ bis ins kleinste erniedrigende Detail. Was nicht „normal“ war, wurde als „entartet“ abgetan. Er reduzierte Frauen auf ihre Fortpflanzungsfunktion und war besessen vom Konzept der Rasse und der damit verbundenen Ideologie der Merkmale.
Den so beschriebenen Menschen ist gemeinsam, dass sie selbst kein Mitspracherecht bei der Definition hatten, durch die sie abgewertet wurden. Der eigentliche Zweck dieser kategorisierenden Beschreibung bestand darin, den damit beschriebenen Menschen etwas wegzunehmen. Die Ausstellung wendet sich gegen die Vorstellung, Eigenschaften zu besitzen, die sich aus externen Zuschreibungen ergeben.
Die Künstler*innen Linda Bilda, Stephan Janitzky, Anita Leisz, Henrik Olesen, Arye Wachsmuth und die Historikerin Sophie Lillie wurden zur Teilnahme an dieser Ausstellung eingeladen, weil sie sich seit Jahren mit dem komplexen Thema der Identitätszuschreibung auseinandersetzen, deren Ziel es ist, Individuen festzulegen, abzuwerten und damit zu enteignen. Die Werke wurden nicht mit Blick auf die Geschichte des Künstlerhauses geschaffen. Vielmehr zeigen sie ganz unterschiedliche Herangehensweisen an dieses Thema. Dabei deuten sie darauf hin, dass es andere Logiken gibt als jene, die durch die erhaltenen Dokumente aus dieser Zeit vermittelt werden, da diese stets auch Teil dessen sind, was sie beschreiben.
Im zweiten Teil geht es um die Frage, welche Art von Repräsentation das Künstlerhaus seinen Mitgliedern bot und inwieweit die reaktionäre gesellschaftspolitische Ausrichtung dieses Künstlerverbandes unser Bild von der Kunst geprägt hat. Man muss eigentlich nur mit offenen Augen durch Wien spazieren. Es gibt kaum ein offizielles Verwaltungsgebäude, eine Kirche oder einen Vorhang der Staatsoper, an dem nicht ein Mitglied des Künstlerhauses beteiligt war. Das Künstlerhaus hatte die Macht, Künstler, die nicht zu diesem Kanon gehörten, von Aufträgen, Professuren, Förderungen, Anerkennung, Unterstützung, praktischer Hilfe und Einkommen auszuschließen – und tat dies auch. Richard Apflauer, Theodor Bruckner, Jehudo Epstein, Hilda Goldwag, Sofie Korner, Gerda Matejka-Felden, Teresa Feodorowna Ries und der Sammler Marco Birnholz waren mit dem Künstlerhaus verbunden, wurden jedoch entweder konsequent von der Mitgliedschaft ausgeschlossen oder ihre bereits gewährte Mitgliedschaft wurde später widerrufen.
Diese Entsolidarisierung reichte weit in die Nachkriegszeit hinein und wirkte sich somit auch auf die Präsenz dieser Künstler in den heutigen öffentlichen Sammlungen aus. Nur sehr wenige Werke dieser Künstler sind erhalten geblieben. Die Ausstellung „Dispossession“ zeigt nun Ausschnitte aus einigen dieser Werke – präsentiert von genau jener Institution, die die Menschen, die sie geschaffen haben, im Stich gelassen hat und sich zu Lebzeiten überhaupt nicht um ihr Schicksal gekümmert hat.
Photos: © Michel Nagl











